RUNNERS KNEE

ITBS – WARUM DEHNEN UND ROLLEN ALLEIN MEIST NICHT REICHEN

ITBS ist meist kein Problem, das sich durch Dehnen, Rollen oder lokale Maßnahmen allein lösen lässt. Entscheidend sind eine saubere Einordnung, kluges Load-Management und ein progressiver Belastungsaufbau. [1,4,5]

Ihr lauft los, es fühlt sich gut an. Und dann kommt er wieder: dieser stechende Schmerz an der Außenseite des Knies. Nicht sofort, sondern nach ein paar Minuten oder ab einer bestimmten Distanz. Und oft jedes Mal ziemlich gleich.

Hinter diesem Verlauf steckt häufig das Iliotibiale Bandsyndrom, kurz ITBS. Die gute Nachricht: In vielen Fällen lässt sich das Problem konservativ gut behandeln. Die weniger gute: Mit ein bisschen Rollen, Dehnen und Hoffen ist es meist nicht getan.

Entscheidend sind in der Regel zwei Dinge: die Belastung so zu steuern, dass sich die Reizung beruhigen kann, und die Belastbarkeit so aufzubauen, dass derselbe Laufreiz wieder toleriert wird. [1,4,5]

Was heißt runners Knee?

Der Begriff „Runner’s Knee“ wird im Alltag oft ziemlich unscharf verwendet und beschreibt nicht immer dasselbe. Manchmal ist damit vorderer Knieschmerz rund um die Kniescheibe gemeint, manchmal aber auch Schmerz an der Außenseite des Knies.

In diesem Artikel geht es gemeinsam mit unserem Experten Andreas von theroga um genau Letzteres: lateralen Knieschmerz beim Laufen, wie er für ein ITBS charakteristisch ist.

Typisch ist ein belastungsabhängiger Schmerz an der Knieaußenseite, meist in der Region des lateralen Femurepikondylus. Häufig starten die Beschwerden im Zusammenhang mit Veränderungen eurer Trainingsbelastung – zum Beispiel nach einer schnellen Steigerung von Distanz, Häufigkeit oder Intensität. [1]

Auffällig ist außerdem: Die Beschwerden tauchen oft wieder nach einer ähnlichen Laufzeit oder Distanz auf.

In der Praxis ist das ITBS vor allem eine klinische Diagnose. Bildgebung ist meist nicht routinemäßig erforderlich und wird vor allem dann relevant, wenn der Verlauf untypisch ist oder sich trotz sinnvoller Anpassungen nichts verbessert. [1]

Warum die alte ITBS-Erklärung zu simpel ist

Lange wurde ITBS so erklärt: Der Tractus iliotibialis reibt bei Bewegung über einen Knochenvorsprung und entzündet sich. Klingt logisch – greift aber wahrscheinlich zu kurz.

Anatomische Arbeiten zeigen, dass der Tractus in diesem Bereich eng mit dem Femur verbunden ist und nicht einfach frei vor- und zurückgleitet. Zusätzlich wurde unter dem Band eine stark innervierte und vaskularisierte Gewebeschicht beschrieben – eine plausible Schmerzquelle. [2,3]

Für euch heißt das: Wenn die Beschwerden eher mit einer belastungsabhängigen Gewebeirritation unter dem Tractus zusammenhängen als mit einem „zu straffen Band“, reicht lokales „Lockern“ allein selten aus. Der auslösende Reiz muss immer mitgedacht werden. [2–4]

Worauf es in der Behandlung wirklich ankommt

Ein einheitliches Ursachenmodell für ITBS gibt es nicht. Die aktuelle Literatur beschreibt das Problem als multifaktoriell – und genau deshalb ist Clinical Reasoning entscheidend.

Es geht nicht nur um den Schmerzort, sondern um das Gesamtbild:

  • Euer Belastungsverlauf

  • Eure Reizbarkeit

  • Trainingsänderungen

  • Und wie euer Körper auf Belastung reagiert
    [1,3-5]

Der wichtigste Treiber ist häufig die Belastung selbst. Typische Muster sind:

  • Zu schnelle Steigerungen von Umfang oder Intensität

  • Dicht gesetzte intensive Einheiten

  • Wiederholt hohe mechanische Reize 

  • Intensive Laufbedingungen (z. B. Downhill-Passagen) [1,12]

Biomechanik kann dabei eine Rolle spielen, sollte aber nicht dogmatisch überhöht werden. Systematische Reviews finden Hinweise auf Zusammenhänge mit bestimmten Bewegungsmustern und intrinsischen Faktoren, betonen aber zugleich methodische Grenzen und fehlende Einheitlichkeit der Befunde. Sie ist eher ein möglicher Modulator als automatisch die eine Ursache. [6,7]

Warum Dehnen und Rollen meist nicht die Hauptlösung sind

Gerade beim ITBS hält sich die Vorstellung hartnäckig, das Problem sei vor allem ein „tight IT-band“. Klingt einleuchtend, ist aber anatomisch nur begrenzt plausibel.

Eine randomisierte Studie zeigt: Eine einzelne Einheit aus Foam Rolling oder Dehnen verändert die ITB-Steifigkeit kurzfristig nicht messbar. [8]

Das heißt nicht, dass solche Maßnahmen grundsätzlich nutzlos sind.
Aber: Als tragendes Fundament der Behandlung reichen sie meist nicht aus. [4,5,8]

Belastung steuern statt nur Symptome jagen

Die konservative Behandlung basiert vor allem auf zwei Säulen:
Belastung steuern und Kapazität aufbauen.

Belastungssteuerung bedeutet nicht automatisch komplette Pause. Es geht darum, provokante Reize so anzupassen, dass sich die Symptome beruhigen, während eure allgemeine Belastbarkeit möglichst erhalten bleibt.

In der Praxis hilft eine einfache Regel:
immer nur eine Variable gleichzeitig verändern
(z. B. Dauer, Tempo, Häufigkeit oder Streckenprofil)

Der zweite Hebel ist der Kapazitätsaufbau. Dabei geht es nicht um die eine perfekte Übung, sondern um eine sinnvolle, progressive Steigerung.

Die aktuelle Übersichtsarbeit zu konservativen Strategien zeigt insgesamt positive Effekte auf Schmerz und Funktion, betont aber zugleich die Heterogenität der Studien und das Fehlen eines klaren Standardprotokolls. Aktiv orientierte Programme mit progressiver Belastung sind deshalb klinisch plausibel und praktisch sinnvoll. [5]

Was passive Maßnahmen können – und was nicht

Passive Maßnahmen können unterstützen, lösen das Problem aber selten allein.

Für radiale Stoßwelle gibt es Hinweise auf Schmerzlinderung, in einer Studie war sie manueller Therapie jedoch nicht überlegen – beide Gruppen verbesserten sich ähnlich. [9]

Kortikosteroid-Injektionen können bei frischem Verlauf kurzfristig Schmerzen reduzieren. Für die ersten zwei Wochen wurde ein Effekt gezeigt. Ob damit das Problem langfristig gelöst wird, bleibt offen. [10]

Technik-Anpassungen: möglich, aber nicht zwingend

Änderungen der Lauftechnik können im Einzelfall sinnvoll sein, sollten aber nicht reflexhaft zum Pflichtprogramm werden.

Besonders häufig diskutiert wird die Kadenz. Eine höhere Schrittfrequenz kann verschiedene biomechanische Lastparameter an Sprunggelenk, Knie und Hüfte reduzieren, während andere weitgehend unverändert bleiben. Gleichzeitig reicht die Evidenz aktuell nicht aus, um daraus allgemeingültige Empfehlungen abzuleiten. [11]

Ähnliches gilt für das Streckenprofil:
Uphill- und Downhill-Running unterscheiden sich biomechanisch und physiologisch deutlich. Bergauflaufen geht typischerweise mit einer höheren Kadenz, kürzerer Schrittlänge und veränderten Lastmustern einher, während bergab Brems- und Impact-Anteile zunehmen. [12]

Klinisch kann eine Steigung deshalb in manchen Fällen eine sinnvolle Brücke zurück ins Laufen sein.

Return to Run

Die Rückkehr ins Laufen sollte nicht heroisch sein, sondern steuerbar.

Sinnvoll ist eine Belastung, die während des Laufs kontrollierbar bleibt und am Folgetag nicht zu einer klaren Verschlechterung führt.

Gerade am Anfang hilft es, die Bedingungen konstant zu halten – zum Beispiel über Tempo, Untergrund oder Laufband. Danach wird schrittweise gesteigert, idealerweise wieder mit dem Prinzip: eine Stellschraube nach der anderen.

Fazit

Das ITBS ist selten ein Problem, das sich durch Rollen oder Dehnen allein lösen lässt. Plausibler ist ein Bild belastungsabhängiger Gewebeirritation im Bereich unter dem Tractus iliotibialis, eingebettet in ein multifaktorielles Belastungsgeschehen.

Für die Praxis bedeutet das:

  • Provokante Reize gezielt reduzieren

  • Belastbarkeit systematisch aufbauen

  • Technik nur dann anpassen, wenn sie im individuellen Fall wirklich hilft  [1–5,11]

Genau hier wird Physiotherapie relevant: nicht als Sammlung beliebiger Übungen, sondern als Verbindung aus Einordnung, Belastungssteuerung und sinnvoller Progression. Das ITBS wird selten besser, wenn man nur lokal behandelt. Besser wird es meist dann, wenn Reiz und Belastbarkeit gemeinsam gedacht werden. Genau das ist der Unterschied zwischen kurzfristiger Symptomkontrolle und nachhaltiger Rückkehr zum Laufen. [1,4,5]

WIE SIEHTS BEI EUCH AUS?

Was würdet ihr wählen: Symptomkontrolle, Belastungsaufbau – oder die Kombination aus beidem? Teilt gerne eure Erfahrungsberichte und tauscht euch in den Kommentaren aus. Schaut außerdem ab jetzt regelmäßig auf unserem  BLOCK vorbei für nachhaltiges und langfristiges Laufen.

Literatur

  1. Bonoan M, Morales M, Liu XW, Oyeniran O, Zheng K, Palatulan E. Iliotibial Band Syndrome Current Evidence. Curr Phys Med Rehabil Rep. 2024;12:193–199.

  2. Fairclough J, Hayashi K, Toumi H, Lyons K, Bydder G, Phillips N, et al. The functional anatomy of the iliotibial band during flexion and extension of the knee: implications for understanding iliotibial band syndrome. J Anat. 2006;208(3):309–316.

  3. Hutchinson LA, Lichtwark GA, Willy RW, Kelly LA. The Iliotibial Band: A Complex Structure with Versatile Functions. Sports Med. 2022;52(5):995–1008.

  4. Friede MC, Innerhofer G, Fink C, Alegre LM, Csapo R. Conservative treatment of iliotibial band syndrome in runners: Are we targeting the right goals? Phys Ther Sport. 2022;54:44–52.

  5. Sanchez-Alvarado A, Bokil C, Cassel M, Engel T. Effects of conservative treatment strategies for iliotibial band syndrome on pain and function in runners: a systematic review. Front Sports Act Living. 2024;6:1386456.

  6. Aderem J, Louw QA. Biomechanical risk factors associated with iliotibial band syndrome in runners: a systematic review. BMC Musculoskelet Disord. 2015;16:356.

  7. Roosens E, Beaufils C, Busegnies Y, Van Tiggelen D. Intrinsic risk factors associated with iliotibial band syndrome: A systematic review. Turk J Sports Med. 2023;58(2):94–101.

  8. Pepper TM, Brismée JM, Sizer PS Jr, Kapila J, Seeber GH, Huggins CA, et al. The Immediate Effects of Foam Rolling and Stretching on Iliotibial Band Stiffness: A Randomized Controlled Trial. Int J Sports Phys Ther. 2021;16(3):651–661.

  9. Weckström K, Söderström J. Radial extracorporeal shockwave therapy compared with manual therapy in runners with iliotibial band syndrome. J Back Musculoskelet Rehabil. 2016;29(1):161–170.

  10. Gunter P, Schwellnus MP. Local corticosteroid injection in iliotibial band friction syndrome in runners: a randomised controlled trial. Br J Sports Med. 2004;38(3):269–272.

  11. Anderson LM, Martin JF, Barton CJ, Bonanno DR. What is the Effect of Changing Running Step Rate on Injury, Performance and Biomechanics? Sports Med Open. 2022;8(1):112.

  12. Lu Z, Suo B, Deng L, Wang J, Fu W, Zhong Y, et al. A review of uphill and downhill running: biomechanics, physiology and modulating factors. Front Bioeng Biotechnol. 2025;13:1690023.

© KRAFT Runners®

Bock auf GEILBALLERN® seit 2026.